E31/M3/P1

 

minimal -Prolog- Bevor die Idee zum Bild wird, ist sie schon wesenhafte Gestalt.

 

E30/M2/W

 

minimal -Bienenkönigin- Ich schweige, um die Welt zu hören.

 

E29/M1/K2

 

minimal -Hirschkäfer- Ich bin um zu sein.

 

E28/K3/W

 

6// Madrigal. Die Insel. Eine Andeutung ihrer Form und ihrer Gestalt portraitierte die Spiegelung im Wasser. Grün war es über den Dächern. Die Zikaden. Die Handlung im Bild blieb nebensächlich. Die Sache, um die es ging, war keine Sache die sich erklären liess, keine Formsache. Sie war nur Inhalt. Ein Innehalten, ein Sehen, was den einen Augenblick in den nächsten führte. Welche Tore durchging man? Welche durchschreitet man, um über sich selber hinaus zu wachsen, um das Vorhergegangene so hinter sich zu lassen, dass nur noch das Jetzt existiert? Was die innere Bewegung ausmacht, die die Konzeption veräusserte blieb ein Rätsel. Und ich wartete auf ein Zeichen. Ob es sich denn um eine Sache handeln würde, fragte ich, oder nur um ein Bild? Das Bild einer Insel. Der Grund war weiss. In Wahrheit war es nichts und in Wirklichkeit eine Fläche Raum. In ihm schwebte ein Schatten, der von nichts geworfen auf der Fläche erscheint, sich leicht bewegte, vom untersten Rand her zur Mitte. Die Linie, die er zog, war der Horizont der Landschaft ohne Gegenstand zu sein. Etwas war zugegen. Es stand im Zentrum. Ohne eine Beschreibung. Unfassbar scheinen die Wege hinter den Horizont zu führen, über ihn hinaus. Der Leerschlag in der Zeit. Ein Madrigal. Eine Begegnung mit dem eigenen Schatten.

 

O7/E27/W

 

189//Oktave. Durchsicht. Ein transparenter morgendlicher Blick über die Wiese, auf der die ersten Primeln ihre Blüten durch das dumpfe Gras gestossen und der Sonne hin geöffnet haben. Buntes aus dem Erdreich, aus der Dunkelheit dort, wo wir nicht hinsehen. Die Jahreszeit dämmert und die Zeit, in der Augen geöffnet werden, für das, was wächst. Zeitgewächs die Tage und Stunden, in denen die Dinge vergehen, solange das Licht wandert. Belichtung der Einzelheiten. Die Dinge, im Schatten der Vorstellungen ihrer Vielfältigkeit beraubt. Das Unendliche erklärt sich nicht in Zeichen, es erscheint, während es entsteht. Bevor der Gedanke das Bild erreicht. Und während ich so dagesessen und Ausschau hielt, nach dem Tag, dass er kommen werde, um anzufangen, mit mir etwas anzufangen, verlor sich die endliche Zahl der Gräser. Gedanken sind verfänglich. Sie auszufüllen mit etwas, was Sinn ergeben würde, kam mir sinnlos vor, ohne Halt, ohne Wirklichkeit, ohne Bezug zum Leben. Die Verwerfung mit sich selber, ein Versuch, sich dem Grund zu öffnen, damit etwas Erstaunliches geschehen würde, etwas, das man sich wünscht, ohne sich des Wunsches bewusst zu sein, liess die Stunden vorüber gehen, ohne den Blick von der Wiese zu lassen, auf der die Primeln wachsen und das Gras, in seiner unendlichen Zahl.

 

N1/E27/W

 

Nachtkarussell. 188// Wie dann die Sprache sich ein Haus baut, über den Klippen des Alltags und ein Meer bildet, in diesem sie sich spiegeln kann, dachte ich, würde ich sie hören? Die Nacht. Lau, der Wind. Nur das Rauschen vor mir in der Dunkelheit, diese Schwärze, war zugegen. Die Linie Horizont, ein Schweigen, ein wortloses Getöse im Ohr, wenn ich mich ihr zuwende. Die Lichtstreifen der fernen Strassenlaternen, schimmernd, irrlichternd, sirren eine Strasse zum Mond. Die Wellen tragen Kronen und mich nicht, über ihre Kimm. Lesend tasten die Hände im Sand, entlang der Flut, die atmend, sich ausdehnend, meine Schritte zurückweichen lässt, nach Muschelähnlichem. Das Gesuchte und Nichtgefundene, ein Magnetismus, der Traum nach dem, was sich weitet und doch das andere Ufer nicht erreichen wird, würde ich ein Schiff fliehen lassen, das dort untertaucht, wo es meinem Blick entschwindet. Entsagung von Konkretem, lässt einen ohne Segel treiben und vielleicht dort an Land spülen, wo man sich nicht hinzudenken traut, weil es nur das Dunkel gibt, das im Lichtschatten einen Schmetterling mit bunten Flügeln gaukelt. Die Dramaturgie eines Augenblicks ist undenkbar. Unfassbar, was geschieht, wenn die Welle sich bricht, über sich selber, in sich hinein und Wasser wird, ist, zur selben Zeit nicht Zeit ist, nur das Element, in das ich eintauchen könnte, würde ich es wagen. Einebnend, das, was nicht ist, das, was man nicht tut. Das Unausgeformte, Unausgeschsprochene zwischen den Schritten und dem Wort zwischen den Worten. (Aus: Tage am Meer; Nachtspaziergang, 27.3.10)

 

R6/E26/W

 

Der Regensänger. 187// Wo die Zeit ansteht, beginnt sie. Eine Reihe aus Vorfällen und Anhäufungen bedingte, dass es zu regnen begann. Und Gedanken bauten Kathedralen. Wir gingen neben einander her, die Pfade verschlungen, manche sich verlierend, andere im Kreis führend, an den Ausgangspunkt zurück. Dort angekommen, kauften wir ein Eis und setzten uns auf die Mauer am kleinen Weiher. Die Enten lachten und die Libellen sirrten im Schilf. Die Mücken und Lichter tanzten auf dem Wasser. Mein Wohnzimmer, sagtest du. Ich, die über meine Zeit ging, um nichts zu hinterlassen, wie eine Spur im Wasser, die der Regen aussäte, um im Rinnstein der Hände zu zerfliessen, sagte nicht ich. Vielleicht das Lose der Gedankenpartikel, die dort den Rand säumten, wo der Himmel an die Stirn stiess und ich schweigend mich ihm zusprach, war der Ort, an den wir uns ahnten, war es, was die Stunden anstiess Vielleicht nicht dort, nicht hier, in dieser Zeit. Wunder geschehen, während wir staunen. Die Erde ist rund. Von ihr führte keine grünbewachsene Brücke hinaus zu dem, was wir nicht zählen konnten. Ein Planetarium aus Worten. Ein kreisendes Ordnungssystem aus Zahlen. Das Gedächtnis der Geschichtenarchive der Sprache. Die Erde ist rund und die Nacht ein Wort im Tag, sagte ich. Du schüttelste den Kopf. Nein, die Dinge haben ihre Namen nur dann, wenn wir sie benennen. Ich schaute dich fragend an. Zum Beispiel „Regen“, wenn ich das Wort nicht ausspreche, hörst du nur sein Rauschen. Und du?

 

E25/L

 

Gedankenpartikel. 186// forma bipartita. Das Schlaflose der Zeit. Durch die Nacht gewandert. Das Ornament des Traumes, ein zurückgelassenes Schweigen. Die Partitur. 16 + 16 Worttakte einer zuhörenden Sprache, die unausgeschrieben den Händen folgten. Improvisation. Das silbenhafte Buchstabieren der Töne zu einem Werkraum; Der Park. Das Bild, ein stilles Gewächs. Ohne Konstruktion, ohne auszudenkende Logik ihr Anfang. Zu Beginn war es die Stille, einen Mantel, die mich einhüllten. Ein Gewebe aus Stunden. Der Durchgang, ein Tor im Gedankenkonstrukt. Nichts, das nicht endet und endlos erscheint. Die Dinge in der Zeit. Ihre Verwandlung, die sie durch eine Analyse erfuhren. Der Weg geradeaus und die Lichter, entlang den Rändern der Beete. Die Tafel im Hof, die silbernen Gedecke am Himmel. Zimtsterne und der Duft von Jasmin. Der laue Wind hob die Parfümierung aus dem Gezweig, das über die Gartenmauer hing, nach aussen, auf die Strasse. Die Form und die Nichtform eines Satzes. Der Akrobat und die Seiltänzerin. Der Augenblick, ihr Kapital zum nächsten Schritt, zum nächsten Schwung, anzusetzen. Der Flug, ein Gleiten im Wind. Du sagtest. Aus dem Nichts zu schöpfen und die Frage, wie das Licht zu malen sei, ohne die Form, ohne die Schatten; ein Auftrag, das Unmögliche möglich zu machen, etwas zu begreifen, das nicht fassen war. Ich schüttelte den Kopf. Ohne das Schweigen, kann ich die Stille nicht sehen.(zu Goldberg-Variationen)

 

F4/O6/E24

 

Oktave. 198//Vielleicht nicht das Gesammelte, nicht das Dichte, das die Form bestimmt und ein Wort bildet. Die Bebilderung des Geistes. Auflösung. Die Formel eines Gedichtes ohne Fassung, ohne Titel. Das Aquarium eines Fisches. Verschwiegen, er und es. Das Lot am Horizont befestigt. Den Himmel zu sich ziehend. Auch er Wasser. Und während der Schnee fällt, steigt der Wal auf.

Die Bergung. Die Dame mit Hut las. Das Einhorn hatte ich nicht gesehen. Es sei hinter ihr gestanden. Ab und zu mit dem einen Vorderhuf im Moos geschart, das sich mit den Jahren über den Fussboden ausgebreitet hatte, durch die Ritzen der roten Fliessen, als wäre ein Teppich vor die Füsse der Frau und unter den Stuhl ausgerollt worden. Die Zeit war nicht still gestanden. Der Wind wehte vom Meer her und bewegte die Wellen flussaufwärtes. Es könne nicht sein, dass sie den ganzen Tag so dagesessen und gelesen hätte, denn es lag Schnee und die Sonne hatte nicht die Kraft, die Steine, auf denen die Frau sass, einmal auf diesem, einmal auf dem andern, aufgewärmt hätte. Das Schmelzwasser aus der Dachrinne. Das Gurgeln des Baches, die Orchestrierung in der Szene, ein Singsang, gaben dem Gemälde etwas Gedankenloses, etwas Unwirkliches. Doch es könnte auch die Zusammensetzung der Figuren gewesen sein, die ohne eine ersichtliche Bestimmung, ohne eine Verbundenheit, die Komposition bestimmten; den Blick von der Veranda in den Park, vor den Stufen die Statue der Dame mit Hut. Lieber Freund, schrieb sie, hätte sie geschrieben, oder würde sie schreiben; Jetzt, der erste Tag mit Sonne und einer Ahnung Frühling, seit ich hier angekommen bin. Wäre der heutige Tag nicht, ich hätte angenommen, dass hier nur Nebel existieren, die den Park und die Welt hinter ihm, einhüllen, als würden sie ein Geheimnis hüten, als müssten sie es im Verborgenen halten. Nebelland. Ohne Konturen, ohne Schatten, ohne Geräusche. Das Wissen um das nahe Meer brachte keine Welle an Land und das Bewusstsein darüber, dass es so ist. Man wäre aufgestanden und in ein Nichts gelaufen. Nichts, das einem Gewissheit gab, etwas zu erkennen, ein Zeichen, das Hiersein bezeugte, keinen Namen, kein Wort, kein Beschreiben. Der Leere Inhalt. Ich hatte den Eindruck, als hätten die Tage zuvor nie existiert, als hätte es nie einen Schmerz gegeben, als gäbe es nur diesen Tag mit Sonne, der die Erinnerung an Nebel aufgelöst hatte und die Welt im Jetzt entbirgt. Es ist, als hätte die Zeit nur auf diesen einen Augenblick hin gewartet, in dem ich in der Sonne sitze und an Sie schreibe. Der Wind bewegt sanft die Blätter des Bambusbusches und das Wasser aus der Dachrinne teilt in seinem Fallen die Stille in diese und jene Wirklichkeit, ohne Schattierung im Bild der Dame mit Hut.

 

K2/E24/W

 

33/183// Gedankenpartikel. Enziklopädie der kleinen Dinge. Das Wort beschreiben. Oder wie es sich anfühlt, es auszusprechen. Es zu halten, zwischen den Lippen. Es zu halten, dort, zwischen Mund und Ohr. Einen Augenschein, woher es gekommen war, bevor es eintrifft, bevor es das Ohr registriert, den Inhalt aufzublättern und ihm ein Bild zu entlocken. Ein Bild, aus dem Archiv der Sprache geholt. Entwurf. Präzision. Ein Übergang. Entlasse ich es in die Welt, setzte ich es den Winden aus, es zu erfassen, es zu ergründen. Bild mit Käfer: Der Käfer, zum Beispiel; ein Geschöpf. Ein Zeichen. Der Grund weiss, ohne den Tisch, auf dem er liegt. In Wahrheit ist er Nichts und in Wirklichkeit eine Fläche Raum. In ihm schwebt ein Schatten, der von nichts geworfen, auf der Fläche erscheint, sich leicht bewegt, vom untersten Rand her zur Mitte. Die Linie, Horizont einer Landschaft, ohne Gegenstand zu sein. Etwas ist zugegen. Es steht im Zentrum. Zentrale. Lebendig und wesentlich. Ein Element in einem Element. Das eine in das andere übergehend. Ohne eine Beschreibung. Ein Käfer, der die Welt in ihrer Drehung hält.

 

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