R5/E23

 

182// Regenmaschine. Die Umarmung. Der Versuch, wie ein Löwe auf der Wiese zu sein. Die Zeit glitt dahin. Ich in ihr. Die Weite der Dinge ist ihre Tiefe, dachte ich und beugte mich über ihren Rand. Nur die Linie Horizont schien Bestand zu haben, nicht die Zeit, nicht die Augenblicke. Augenhöhe, wenn ich gerade aus sehe. Augenhöhle, wenn ich vor mich hin sehe. Ich sehe im Nichts nichts. Und wenn ich aufblicke, in die Krone eines Baumes, sehe ich den Löwen auf der Wiese schlafen.

 

R4/E22/W

 

181// Gedankenpartikel. Ich suchte es zu ergründen. Das hermetisch Abgeschlossene hinter dem Zeitfenster. Der Ausblick in die Hermeneutik eines schweigenden Textes. Das Kausale rückwärts gelesen öffnet den Blick in das, was geschah, nicht in das, was wird, dachte ich und legte mein Ohr an das Membran. Allegorese. Dort, wo es anfing, hatte ich kein Grün gesehen. Später wuchs das Gras über die Dünen und das Wasser brach auf. Die Welt war rund und blau. Die Folge der Farbe, das Verbindende, das Gelbe und ich las; die Blume, ein Nachtpfauenauge. Vielleicht war es nur den Augenblick, den ich sah, im leicht Schwebenden, das die Zahl zusammenfasste. Ich wagte nicht hinzusehen, um es nicht zu stören, bis die Summe der Dinge errechnet war. Und die Welt war rund, mit einer Achse, um die sie sich drehte, weil die Farbe in ihrer Mitte war und sich ausdehnte, als würde sie sich umkreisen und in die Nacht hinein nehmen, in ihre eigenen Schatten. Und ich sah dich am unteren Rand. Die Vögel. Und die Welt war rund. Eine Kieme, die Zeit.

 

O5/E21/W

 

180// Oktave. Das Unsagbare. Hatte es sich einmal bewegt, war über die Stirn geglitten, als eine Ahnung Wind, der zu hören unmöglich war, würde er nicht die Dinge bewegen, die ich sehe, blieb es fortwährend in der Erinnerung, als verborgenes Wissen um das zeitlose Gleiten in ihm. Ohne einen Flügelschlag, der Flug eines Reihers über das Wasser, das ihn spiegelt. Entbergend. Zwischen den Hügeln, dem Schilfgürtel. Uferlos schien es sich zu wiegen, das Wispern der Halme und Rispen. Irrlichternd die Gedankenpartikel. Einen Funken Verständnis fordernd, ihn verwerfend. Über die Wirklichkeit nachzudenken blieb ein ungewisses Tasten in ihren Schatten. Im Lichtkegel eines Scheinwerfers wird das sichtbar, was er beleuchtet, jenes um ihn, verliert seine Kontur im Bedeutungslosen, nicht aber seine Existenz. Teil des Geschehens. Überblickend das Bild. Es entsteht aus dem, was entstanden war und wird doch nicht Dasselbe. Selbst. In diesen Zonen, in diesen Zeilen über die Oktaven, das Bild eines Wortes, das es erzeugt. Das unsagbare Schweigen, als formlose Form der Vergänglichkeit. Ich hatte es nicht gesehen. Im Augenwinkel diesseits des Ufers der Zeit.

 

R4/E20/W

 

199// Regenmaschine. Der Flügel und die Fischin. Am unteren Rand des Sichtbaren, die Wellen. Über ihr, ein Gedanke. Wäre der Himmel blau, würde ich sehen, dass er fliegt. Ein Flügel, der sich selber spielt, sich seiner Tastatur bedient, als wäre er die Fischin im Geviert eines bildlosen Bildes. Die Oktaven entschwinden, die Zeit, in der sie sich aufgehalten hatte, während der Schnee fiel und ihr Antlitz bedeckte, das Wasser im Fluss. Würde die Sonne jetzt erscheinen, das Eis schmelzen, wäre das Gehen über die Fläche, ein Schwimmen in dem, was ein Ufer zu einem Ufer macht, an das die Wellen stranden und das Bild das Ohr erreicht. Ein Rauschen. Während der Wind den Flügel anhebt. Ich sehe es nicht, das Bild, ohne das Wort, das es bewegt.

 

B4/E19/K1

 

169// Enzyklopädie der kleinen Dinge. Die Ordnung der Unendlichkeit. Ein Ton, ein Raum, eine Zahl, ein Wort. Die Farbe wird hinzukommen und die Zeile fortsetzen. Ein Fragment der Wirklichkeit in Fragmenten. Auf der 16. Seite. Ihr gegenüber die Aufsicht und die Kontur. Umschreibung der Beschreibung. Sie bleibt unfassbar. Die Erklärung einfach und in ihrer Komplexität fragmentarisch. Ein Partikel. Ein Molekül. Die Vorstellung wird das Bild nicht erreichen. Das Sublime.

 

B3/E18/W

 

17/169// Oktave. Im Übergang von Zeit und Wirklichkeit. Die Wiederholung schien zu dauern. Die Einmaligkeit und das Geschehnis. Vielleicht hätte man die Lücke finden können, um über den eigenen Schatten zu springen. Er war eine Wolke Schnee über der Landschaft. Warten, bis die Sonne scheint. Verschmelzung. Die eine Wirklichkeit entspricht der vielen andern, die sie, zusammengefasst ausmacht. Doch der Zeit vertraute ich sie nicht an. Ihr am wenigsten. Sie erfasst nur eine Zeile einer Oktave. Die Wirklichkeit. Voraussetzung damit Zeit geschieht, die Dinge in ihr? Die Namen? Das Befinden? Finde ich das Rad? Seine Formel zur Welt? Sprache? Die Annahme, das sie so erscheint, wie sie ist? Bleibt die Erinnerung an Meer ausreichend, um es zu beschreiben? Müsste ich hinfahren, teilhaben, um es zu erfahren? In Wirklichkeit? Innerhalb oder ausserhalb der Zeit?
Es war vieles geschehen, seit wir uns das letzte mal gesehen hatten, sagte ich und Anna nickte. Die Zeit verändert die Dinge und uns, sagte sie. Was geschieht, ohne unser Dazutun? Wir fügen einfach die Geschehnisse aneinander, nicht wahr? Wie würden wir sonst alles auf die Reihe bekommen und uns erklären können, was uns bewegt dies oder das zu erleben oder uns für oder gegen etwas zu entscheiden. Fügung, sagte sie, sei sehr genügsam. Wir steigen ein, in das Leben, wie auf den Rücken eines bunten Pferdes auf dem Karussell und werden im Kreis gedreht. Das Tier können wir tauschen, nicht die Richtung. Kommen wir dort an, wo wir angefangen haben? Nein, Anna schüttelte den Kopf. Ihr langes Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, warf sich ihr ins Gesicht. So einfach ist es nicht, das Leben und die Drehung und der Ort nicht. Wäre es möglich, das Pferd zu wechseln, wäre es mit dem Ankommen ebenso. Wir wachsen, sagte sie, wir entwachsen dem Karussell. Es sind Oktaven, sagte ich. Ja, antwortete Anna, es ist das, was wir sehen.

 

B2/E17/W

 

74/168// Wendeltreppe…was, wenn ich mich erträume? Im Übergang von Zeit und Wirklichkeit? In den verborgnen Stunden, in denen ich mir vergessen ging? Finden sich dort, der namenlosen Dinge Namen, die das Leben in die Lücke der Gedanken spiegeln? Der Gärten Unzähligkeit? Fundstücke. Ein Weg, vom Gartentor bis zum Haus. Das Haus. Ich schüttelte den Kopf. Es ist alles Nichts, bevor ich es nicht vor mir sehe. Eine dunkle Fläche, einige Farbpunkte die auftauchen und verschwinden. Eine Treppe, eine grosse breite Treppe die von der Einganshalle in den ersten Stock führt. Am unteren Ende des Handlaufs sitzt ein kleiner bronzener Löwe. Anna versuchte sich zu erinnern. Im ersten Stock der grosse und der kleine Salon. Die Wände und Decken mit blauer Farbe bemalt. Ich öffne die Tür. Über den Stühlen und Tischen, dem kleinen Sekretär neben dem hohen Fenster zum Balkon, hatte man weisse Tücher geworfen, als wäre man abgereist oder wäre der Raum lange nicht benutzt worden. Anna zog langsam das Tuch vom Flügel. Auch er stand so, dass man aus dem Fenster sehen könnte, würde man auf ihm spielen. Sie öffnete den Deckel zur Tastatur. Die Wanduhr tickte.

 

B1/E16

 

168//Gedankenpartikel. Als hätte ich vergessen zu denken. Gedankenloses Sein. Wage es nicht, einen neuen Gedanken zu fassen, bis jener, in den Winkeln der Stunden, gefunden ist. Zwischen Erinnerung und Gedächtnis. Ein Pfad zum Verborgenen. Vielleicht ein Pfad. Ein Blick, der abschweift, zurück, sich wendet, sich ansieht. Ein Blick in die Augen. Sehen, wie Augen sehen. Noch nie war die Ferne so nah, wie die Nähe jetzt fern. Dieser Moment. Ich öffne die Augen und denke, die Welt ist rund und das Gras wächst, auch in der Nacht. Hören, wie Ohren hören. Die Ruhe zwischen den Halmen, den Wind. Ihn höre ich nicht. Ich höre, was er bewegt. Das Gras. Und der Gedanke, der sich vergessen wird, solange ich mich nicht an ihn erinnere. Im Gedächtnis wird er zu Gras.

 

O4/E15/W

 

82// Oktave. Die Überschreibung der Zeit. Harmonie und Dissonanz. Eine Analogie. Ich dachte an Farben. Menschen haben ihren eigenen Klang. Die Dunkelheit und der Tag. Jede Stunde. Die Formen. Die Wörter. Wer hatte ihn den Dingen eingehaucht? Die Nacht ist ein Lied in den Bäumen. Meine Hände zitterten. Es war, als würden sich die Lebensjahre ineinanderschieben. Bühnenkulissen. Die Zukunft geht von einem einzigen Augenblick aus, in den nächsten und was hinter mir liegt, schliesst sein Tor. Zurück kann man nicht gehen, nur rückwärts. Die Erinnerung. Das Gedächtnis begleitet die Schritte, die Gedanken, das körperlose Wissen. Wer buchstabiert? Wer liest? Wer liest das Schweigen und die Stille zwischen den Wörtern? Unablässig. Höher. Oktave um Oktave, aufsteigend, sich übersteigend. Ein Cherubin. Und der Engel im Kostüm? Ich begegnete ihm hinter der Bühne. Er lächelte verschmitzt, als wüsste er mehr. Über die Dinge, nicht wahr? Die Wirklichkeit bewirken.

 

F3/R3/E14

 

25// Regenmaschine. Diktat. Was wird einem Vorgeschrieben? Wer schreibt vor und wer nach? Nachschrift, in einem Zug hingeworfenes Gefussel, zerfällt wie Staub unter dem Sofa und dem kleinen Tisch, an dem ich schreibe. Unter das Fenster gerückt. Ich, aufsässig, dachte an Zappeln im Sand und an Fische in der Luft. Ich fuhr mit dem Bus eine Stunde lang durch die Stadt zum Postamt. Das Päcklein war klein. Der Beamte nahm es von einem leeren Regal und drückte es mir kopfschüttelnd in die Hand. Ein kleiner Frosch in einem Glas. Während ich an der Strassenkreuzung stand und das Einwickelpapier fallen liess, klingelte das Telefon neben mir und ein Mann kaufte Blumen. Ich dachte an einen Prinzen. Die Blumen seien nicht für mich, antwortete der Mann am Telefon. Der Bus, in den ich einstieg, fuhr bis zur nächsten Haltestelle. Zuhause stellte ich das Glas mit dem kleinen Frosch auf das Fensterbrett und wartete auf Regen.

 

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