O3/E13/W

 

98/23// Oktave. Silya. Die Abende wurden länger, die Tage kürzer. Das Jahr auskundschaften, dachte ich. Es müsste noch einmal erforscht werden. Zu schnell war es vorbei gegangen. Die Gespräche durch die Nacht blieben Fragmente, verworren. Ein Löwe im Haar. Das schwarz eingebundene Buch lag auf dem langen Tisch. Durch die Jalousiene schimmerte die Mittagssonne. Die Menschen drängten sich durch die Gassen. Ein Hund bellte. Ich setzte mich zum Fenster. Die Zeit wird uns nicht einholen. Es sind die Erinnerungen, die sich aufdrängen. Doch, sagte Anna. Wenn Zeit existiert, dann existiert auch das Zeitlose. In ihm spielt es keine Rolle, was wann auftaucht. An Willkür glaube ich nicht, antwortete ich. Wir sahen uns an. Anna nahm einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse neben den Teller. Sie schien einen Augenblick in die Leere zu schauen, abwesend. Nein, sagte sie, nein, man sollte sich einfach gehorchen. Wie sie das meine, fragte ich. Genau so. Man sollte sich selber vergessen und beobachten. Die Dinge, die einem begegnen, fügte sie nach einer Weile hinzu. Einfach auf die Welt zu reagieren, bedeutet nicht, dass man sie besser versteht, entgegnete ich. Schon?! Anna stand auf. Schon, sagte sie und wandte sich zu mir. Ein Ziel zu haben, schliesst die Vorstellung von dem, was sein wird, aus. Wenn das Ziel dieses ist, dass wir die Zeitlosigkeit erfassen könnten, um aus ihr das zu holen, was wir nicht wissen, welcher Bestimmung folgen wir dann? Verzwickt, rief Anna. Auf was können wir uns verlassen, damit das, was uns einfällt, nicht zur Falle wird, weil es in keiner Weise in diese Zeit passt, in der wir jetzt leben? Anna schwieg und liess sich in den Sessel fallen. Was ist Menschsein? Sie runzelte die Stirn. Ich lachte. Anna, es ist schon spät und wir sind zu müde, für eine solche Frage. Nein, überhaupt nicht, entgegnete Anna, es ist nie zu spät, sich eine solche Frage zu stellen. Vielleicht, sagte ich, aber um Antworten zu finden, sollten wir zuerst etwas essen. Ich fliege, rief Anna, langte nach ihrem Pullover und bevor sie ihn richtig angezogen hatte, war sie aus dem Zimmer verschwunden. Ich hole uns etwas vom Chinesen um die Ecke, rief sie und die Tür schlug hinter ihr ins Schloss. Das Jahr, zu schnell war es vorbei gegangen.

 

E12

 

76/3/77// Wendeltreppe. Die Wanduhr tickte. Erzählen sie, sagte Anna. Es gibt nichts zu erzählen, nichts, was sie nicht schon wissen, antwortete Friederike. Es war Frühling. Als ich in Genua ankam, regnete es. Es war kalt und feucht. Durch die Gassen fegte ein nasser Wind herumliegende Papiere vor mir her. Kein Mensch war zu sehen. Ich hörte die Möwen vom Hafen her kreischen und das Brummen der Schiffsmotoren. Auch jetzt. Der Lärm der nahen Strasse, das Rauschen des Regens. Angelehnt an die Nacht. Tauben gurren. Die Erinnerung. Ein Weltplan, ein Entwurf Leben. Das Morgenlicht erhebt sich zum Tag. Der Übergang scheint ein Bleibender zu sein. Das Staunen über das Tägliche unzeitgemäss. Ein Augenblick weicht dem andern. Erstaunlich, was das Gleichgewicht hält, ohne das Geschehen aufzuhalten und nicht aufhört die Dinge in Dinge zu verwandeln, die Strasse mit Regen zu bewässern. Ein Spiegel. Was über ihn gleitet, scheint schwebend. Die Zeit, das Haus, mit seinen Gängen, Kammern und Treppenläufen, sich hinaufwindend bis unter das Dach. Der Himmel wolkenbehangen, erscheint in ihm tiefer, wie er wirklich ist. Tiefgründig, lachte Friederike, entbirgt er Unbekanntes, dessen Gemurmel als Tonspur neben den erklärenden Kommentaren einher geht, ab und an sie zu übertönen schafft und Einfaches verkompliziert. Einfach. Ein Wort und ein Wort aneinanderreihen, damit Sinn entsteht, ein Ziel. Meine Reise war ohne Ziel, ohne Geschichte. Die Handlung blieb unentdeckt, sagte sie, nur ein Luftzug vielleicht, der sich in die Leere einmischte, machte die Füllung aus. Ein Gefühl. Ich erahnte mich nicht. Die Entzifferung der Abstraktion in ein Bild. Ich stellte den Koffer neben die Tür. Der lange Flur. Die hohen Räume. Anna stiess den Fensterladen auf. Dächer, Zinnen, Kamine, Kuppeln, Kirchtürme, begrünte Terrassen, Wendeltreppen, Tauben, Möwen und weit in der Ferne, das Glitzern der Sonne im Meer. Als wäre die Zeit hier still gestanden, hätte das Leben ausserhalb der Räume keine Rolle gespielt, wäre vorüber gezogen, ohne den Ausblick zu verändern.

 

O2/E11/W

 

27// Oktave. to einai Dieses und jenes schien von Bedeutung zu sein, drängte sich auf, mischte sich in die Tage, in die Gedanken. Andere Bilder aus anderen Zeiten. Der Kaffee kochte. Anna stand in der Küche. Sehen, was kommt. Sehen was die Worte zu Bildern auftürmt und wieder auflöst. Ein Kinderspiel mit Bauklötzen. Autos schieben sich durch den Regen. Die Lichter gleiten entlang der Wand. Flüchtig die Wahrnehmung. Wessen Geschichte man auch verfolgt, sie liniert die Stunden, behält einen Augenblick die Konzentration, gaukelt ein Ziel vor, das man erreichen könnte. Vielleicht Stundenbücher zu notieren. Fragmentarisch. Man greift danach. Die Hand hält und bleibt leer. Vielleicht sind es die Gefühle, ein Geräusch, eine Bemerkung, die eine Geschichte in Bewegung setzen und man sich bewusst wird, dass man lebt und liebt und empfindet. Wieder die Wolkenberge am Himmel. Das Wasser fällt in Tropfen. Ich dachte, das Meer rauschen zu hören und war mir nicht sicher, ob ich vor ihm stand, oder mich nur erinnerte vor ihm zu stehen. Ich sah es. Anna. Die Reihenfolge, sagte sie, ein transparentes, filigranes Geflecht. Das Meer. Die Verkörperung eines Wortes. Du, eine Schattenfigur. Worte reichen bis zum Horizont. Der Magnetismus. Sie lachte. Die Musik entgleitet. Du umgibst mich. Dort, wo die Gedanken weder ein- noch ausgrenzen fangen wir an Geschichte zu sein. Wer bist du, fragte ich, der Engel im Kostüm eines endlosen Bühnenstücks? Das Wirkliche der Geschichte ist ihre Wirkung, sagte Anna und stellte den Kaffee vor mir auf den Tisch.

 

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30//Wendeltreppe. Tue ich nichts, wird das Nichts grösser und der Drang, es zu erforschen, wächst ins Unermessliche. Das Bild. Es ist nicht gross. Ein Irrgarten. Ein Labyrinth der Stunden. Feine Linien durchziehen den Raum. Ein schwebender Mond, ein Fleck, ein Kreis in einem Farbfeld. Unter ihm etwas Erdähnliches oder doch ein Stern oder eine Wolke? Das Haus neben ihr, mit einem roten Fenster. Was würde geschehen, wenn ich neben der Mondstrasse einen Rosengarten anlegen würde? 49// Und der Engel im Kostüm sagte, dass sich die lange Auseinandersetzung gelohnt hätte, mich mit der Entstehung des Vorworts zu befassen. Sie sei nicht zu kurz geraten, doch habe das Gelb gefehlt. Ein ockerfarbener Hauch nur. Die Muse. Die Leichtigkeit, die Welt in einem Wort zu erfassen und sie dennoch in ihrer Vielfalt zu beschreiben. Und der Himmel bleibt ein kleiner Fleck und die Erde eine kleine Wolke Grün, an die ein Schiff anlehnt.

 

F2/E9/L

 

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-ánalýein- …masslos …beschäftige ich mich mit dem Einen, entsteht das Andere.

73// Gedankenpartikel. Ich suchte nach einem bestimmten Kapitel, das ich unfertig zwischen die Blätter eines Buches gelegt hatte. Ich wusste weder seinen Anfang noch seinen Inhalt, nur dass ich es einmal angefangen hatte zu notieren. Es könnte sich um einen Aufsatz handeln, um ein Gedicht über die Nacht oder die Zeit. Nachdenken über das Leben ist kompliziert. Es wäre einfacher eine Landschaft zu beschreiben die ich kenne, als sie zu erfinden. Was es gibt, gibt es. Meer und Küste und Horizont zum Beispiel. Oder den Blick in den Garten mit dem Apfelbaum und der grünen Bank im Gras. Vielleicht hatte ich damals geschrieben; Der Schnee und ich sitze da und suche nach Worten, die etwas beschreiben.

 

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185//Die Regenmaschine Schönheit, sagte der Engel im Kostüm, sei in allen Dingen Schweigen.

 

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18//Oktave Das Bild. Nichts erscheint nur so, wie wir es sehen, sagte Anna. Es war eine alte Fotografie, die sie zwischen den Seiten ihres Buches hervorgezogen hatte und nun in der Hand hielt. Ein Karussell auf einer Waldlichtung. Ein Karussell mit Pferden und Kutschen. Vielleicht Parkbäume, sagte ich. Anna nickte. Die Zuschauer. Damen mit grossen Hüten in weissen, schwarzen langen Kleidern. Die Herren in schwarzen Fräcken, Anzügen und mit Spazierstöcken. Kinder rennen auf die Lichtung. Auf ihren Rücken die Schultornister. Jemand hatte ein Fahrrad in die Menge geschoben. Links im Bild ein Gartentisch und ein Gartenstuhl. Es ist Sommer, sagte Anna, die Bäume haben Blätter. Ich nahm Anna die Karte aus der Hand und löste an der linken oberen Ecke das auf die Rückseite geklebte Papier. – als wollte jemand eine wichtige Nachricht verbergen. 1913, Taunusanlage, las ich zwischen den Blättern. Wir befinden uns in Frankfurt am Main. Das da, sagte Anna und deutete mit dem Zeigefinger auf ein kleines Mädchen. Das da, bin ich.

 

F1/E6/L

 

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-ewen- Wie viel Zeit braucht die Zeit, bis sie vergeht?

 

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14/ Im Leerschlag der Zeit. Man sollte sich entspannen, auch wenn die Spannung wächst. Erwarten sollte man nichts, sagte Laotse, ohne das Tun tun. Ich tat und tat nichts. Das Blatt blieb leer. Über die Leere nachzudenken, ohne sie mit Denken zu füllen, war ein aussichtsloses Unterfangen. Fing ich an, ein ihr entsprechendes Wort zu finden, war die Leere nicht mehr Leere, sondern dieses Wort, das ich für sie erfand. Finde ich die Leere leer, suche ich nach dem, was sie ausmacht und hält. Sie wäre unendlich, würde ich sie nicht erfassen wollen und in meinem Verstand wäre es ruhig. Ein Ton nur, vielleicht. Vielleicht wird es geschehen, dass ich aus dem Fenster schaue, in den grauen Himmel und denke; der Himmel ist grau, ich sehe das Grau des Himmels und im selben Augenblick erinnere ich mich daran, dass nicht der Himmel grau, sondern die Wolke, die den Himmel bedeckt, grau war und auch dies würde nicht genau dem entsprechen, wie es ist. Es waren viele Wolken und diese wurden vom Wind in eine Richtung bewegt. Himmel bewölkt. Grau. Und ich schreibe. Himmel sind blau.

 

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26//Die Regenmaschine. Ein kleiner Knopf, rot, an der unteren Seite der Schachtel, setzte sie auf Druck in Bewegung. Ein ferner Rosengarten wird bewässert. Der Mann am Strassenrand spielte Luftharfe. Ich öffnete den Regenschirm, obwohl ich nie einen solchen mit mir herumtrage und hielt ihn über den Rinnstein. Wie Wassertropfen zerplatzten die Töne in meinen Ohren und hinterliessen den Eindruck, ich hätte sie gehört. Der alte Mann zwinkerte mir zu. Nichts ist Illusion, sagte er zu mir und spielte weiter. Die Zuhörer drängten sich näher. Sie sind wie Tauben. Picken nach allem, was nach einem Brotkrumen aussah und hörten sie doch nicht. Der Mann neigte den Kopf zu Seite, hob die linke Hand und zupfte die Saite mit der Rechten: Ave Maria. Die Tauben trippelten über den Domplatz. Ich fütterte sie, doch sie assen nichts. Sie kannten das Wort „Brot“ nicht. Und ein Mensch schrieb „Rose“.

 

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