

H10 Ich werde nie den Film einer Minute drehen können, immer wird nur das zu sehen sein, was während einer Minute geschieht.


H10 Ich werde nie den Film einer Minute drehen können, immer wird nur das zu sehen sein, was während einer Minute geschieht.


S3 Ich versuchte bis zum Ende der Zeit zu denken. Dort, wo die Gedanken aufhören, scheint es nichts zu geben, dem sie folgen oder an das sie sich erinnern könnten. Würde die Zeit enden, wäre sie endlos in der Zeit und das Zeitlose, wäre ohne Ziel. Doch, wenn das Ziel nichts zu denken, nie zu erreichen ist und die Zeit zeitlos, wäre das Ende der Zeit der Zeitpunkt, an dem ich nicht an sie denke, sie einfach vergesse, beiseite lege und warte, bis sie vorüber gegangen ist. Im Ganzen gesehen existiert Zeit nur als Zeit, eine Zeit, die ist, also nie enden würde. Sie dauert, denke ich, auch wenn ich nicht an sie denke. Diese Überlegung beruhigte mich, denn es kommt oft vor, dass ich nicht rechtzeitig daran denke, dass es Zeit ist.


H9 minutiös Während des Ziehens einer Linie, habe ich die Freiheit, mich entweder auf die Linie selber, auf ihre Bewegung, ihre Richtung oder auf das, was durch sie entsteht zu konzentrieren und mich auf das Zeichen, den Raum, den Körper, die Form, die Figur, auf etwas, das mich an etwas erinnert, einzulassen, auf ein Wort, das es in mir hervorruft, ein Gefühl oder eine Ahnung oder eine Geschichte. Meistens verlasse ich diesen Ort der Benennungen und Bezeichnungen und kehre zu der Linie zurück, dorthin, wo sie einfach Linie ist, nur die Bewegung einer Linie in Bewegung und höre, in welcher Farbe sie klingt.


H8 Viel mehr dachte ich darüber nach, nicht den Horizont zu überqueren, sondern auf seiner Linie zu balancieren und zu beobachten, was vor ihm, aus dem mir unsichtbaren Raum, erscheint. Ich stellte mir die Frage, ob das, was erscheint, nur erscheint, weil es vor seinem Erscheinen, im Zwischenraum von „vor“ und „nach“ existiert. Wie könnten sonst in wenigen Minuten so viele Wellen, riesige Kreuzfahrt-und Kontainerschiffe oder Möwen oder Fischerboote auftauchen? Also muss etwas wissen, was genau in dieser Minute sich am Horizont abspielt, in der etwas in das Sichtfeld kommt, von dem ich nicht weiss und doch, sobald es auftaucht, erkennen kann.


Heute Ich möchte sehen, was den einen Morgen vom andern Morgen unterscheidet, was vor sich geht, wenn Morgen Morgen entstehen lässt und ihn anders, wie alle andern Morgen macht, ich möchte sehen, wie der Morgen des Morgens ist, wann genau dieser eine Punkt erreicht ist, an dem die Wende von Nacht in Morgen passiert und das Wort Nacht in das Wort Morgen wechselt und es in mir weiss, dass jetzt Heute ist und nicht ein anderer Morgen, sondern genau den heutigen, in dem ich aufwache und der Tag, der sich aus diesem Morgen aufblättert nur stattfindet weil es Heute ist, vielleicht ist es so, wie wenn ich in einer Buchhandlung stehe und ein Buch aufschlage und eine Zeile darin lese und weiss, dass ich diese eine Zeile gerade heute aus diesem Meer von Zeilen in der Hand halte und ich sie nur heute so lese, wie ich sie lese, weil ich sie vielleicht Morgen, wenn ich sie wieder lese ganz anders lese, sie vielleicht eine andere Zeile ist, weil ich sie anders wahrnehme. Immer ist jeder Tag einzig in seiner Art, wie er entsteht und vorbeigeht und was in ihm zu finden ist. Ja das möchte ich nie verpassen. Es ist ein Lebensziel, nicht wahr?


Heute Morgen; Ich versuchte die Einzigartigkeit des Tages nicht zu verpassen.


Sommer, die Nacht, schwimmend; Je mehr ich in das „weniger“ hineintauche, je höhere Wellen tragen weissere Schaumkronen, die der Wind aus den Wipfeln der Bäume pflückt, die ich gesät hatte, seit ich angefangen habe, die Worte als Formen zu begreifen und ich sie von meinem Mund in die Hand von jemand anderem lege.


P4 Das Zeichen für „Verbindung zweier Planeten“ fand ich zufällig. Während ich versuchte ein Gespräch zwischen zwei Menschen aufzuzeichnen, die weit voneinander entfernt wohnten, malte ich die Einfahrt eines Schiffes in den Hafen einer Stadt am Meer, eine Möwe und eine Navigationsboje. Abgelenkt durch die Überlegung, was eben in dieser Minute alles gleichzeitig geschehen würde, würde ich das kleine Blatt in die Höhe halten und die Farben ineinanderlaufen lassen, wechselte ich den blauen Stift mit einem roten Stift und zog zwei feine Linien; sie folgten dem Weg der Gedanken während des Denkens vom einen zum andern in Gedanken nach.


F6 Eine Minute zusammenzufalten, als wäre sie ein Stück Papier oder zusammenzurollen, wie einen kleinen Streifen Film mit einer Tonspur der Geräusche einer Stadt und eines Sommers am See, wäre etwas, was Stunden lange dauern würde.

M5 Ohne einen Punkt; Vor dem Regen waren die Dinge anders notiert gewesen. Kaum hatte ich sie überflogen, waren sie verschwunden. Ein Zurückblättern gab es nicht, es war nicht so wie in einem Buch, es war eine riesige Notiz, die in wenigen Sekunden verschwinden wird, sobald der Regen stärker würde, wie sollte ich auch eine ganze Strasse zurückblättern, mit all den Häusern und Gärten und Käfern, die Autos hatte ich vergessen, die Flugzeuge, in dieser Minute, sie eilten wie meine Gedanken über das zu Lesende, ich verlief mich im Geschriebenen, einem grossen Linienknäuel, einem Zeichen für Gebüsch oder Dschungel, vielleicht auch bloss einer Äusserung über jemanden, der in der Strasse wohnte, ich rettete mich in die Zahlenreihe, hier war es stiller, übersichtlicher, nachvollziebarer, doch der Regen wurde stärker, die Farben schwächer, das Lesen hörte auf, ohne Punkt, im Regen ist die Strasse wieder eine Strasse.