Basso continuo. Die tausend Zettel Vergangenheit liegen weit verstreut um mich. Wende ich den einen, um zu lesen, dass hier nichts steht, setzt sich die Geschichte auf einem andern Zettel fort. So ist das Denken, denke ich, ein Spiel der Bilder mit sich selbst.

 

 

Lira: Tage am Fluss. Das Licht gleitet weiter über die Dächer, schmiegt sich an den Schlaf, wärmt die Augenlider, wirft Schattenornamente in den Raum. Die Nacht bleibt Nacht auch dann, wenn sie sich im ersten Sonnenstrahl verliert. Die Zeit rückt weiter. Kreisend kehrt sie nie zurück und wird doch wieder Nacht und Tag und Stunde. Stille ist dort, wo Gedanken schweigen..

 

 

india song. Zürich, 23:56 Uhr, Bahnhofstrasse. Der laue Novemberwind weht Blätter unter die Bank, auf der ich sitze. Ich lese den Brief, der heute im Taj Mahal Hotel, Mumbai geschrieben wurde. Ein Frühstück im Hotelgarten. Vögel singen. Eine Frau mit rotgold leuchtendem Sari. Ankommende, sich entfernende Schiffe. Das bunte Treiben auf der Strasse. Die Schreibarbeit am offenen Fenster, unter dem der Verkehr vorbeirauscht. Das Hupen der Taxifahrer. Eine Stadt, die nie ruht, auch nicht in der Nacht. Die Zeit fliegt. Die Bilder einer anderen Welt. Sie scheint mir vertraut und dennoch fremd, entfernt. Ich lese zwischen den Stunden. Die Sprache, die Wörter, die das Unfassbare in das Greifbare holen.

 

 

Nachtwerk. Die Zeit zwischen den Stunden. Eine Suche nach Stille im Gewirr aus Stimmen und dem Aneinanderschlagen leerer Weingläser. Gäste verabschieden sich. Fremde sind wieder zu Fremden geworden. Die Kerzen erlöschen. Mit ihnen die Erinnerung. Hände fliegen, ordnen das Gedeck, streichen Falten glatt, die Gesichter, ein müdes Lächeln. Tische werden gedeckt für den Tag, der in der Nacht schon begonnen hat. Die Stadt scheint schlafend. Lichter fliehen, die weissen Nebelschatten entlang dem Strassenrand. Die Frauen warten. Die Zeit wird mehr und dennoch kürzer.

 

 

Ton In seinem Raum ist er unendlich.

 

 

d’Hiver. Worte. Ich suchte das Sanfte dieser Welt. Blätter fielen. Äpfel glühten im Geäst. Die Nacht säte Vergehendes. Am Morgen liegt Schnee in die Bäumen und die Gärten scheinen schlafend. Auch die Amsel. Ich stimme die Geige. Sie stimmt mich. Ich frage. Kehrt Zeit zurück? In Deiner Hand. In mir?

 

 

Küste. Der Regen tropfte auf die matt gewordenen Blätter. Eine Weile blieb ich mit geschlossenen Augen liegen. Ich las mich in den Singsang vor dem Fenster. Dann, wieder eine Folge leichter Aufschläge auf dem Blechdach. Ein dunkler Ton, von den Blättern aufgefangen. Eine Sequenz Rauschen. Heute nicht dieses von Meerwellen. Heute war es ein Atem. Vielleicht dieser der Katze, die sich über mich beugte. Ich öffnete die Augen. Zaghaft. Vorsichtig, in diese Richtung in der die Farben verschwunden waren. Aufwachen, dachte ich, bedeutet mich in den Rausch der Tage zu geben. Ich hatte geträumt, doch wusste ich es nur. Nicht, durch welche Wälder ich gelaufen war, nicht, wo ich ankommen sollte. Angekommen war ich in diesen Morgen, in dem der Regen vor dem Fenster in das Laub fiel. Deine Hand in meinem Haar.

 

 

la plage. Am Ufer hatte ich sie gesehen. Die geschlafene Zeit. Sie trieb vorwärts, den Wellen entgegen. Manchmal tauchte sie in ihre Tiefe weg. Manchmal stieg sie unter die Oberfläche. Etwas Zeitloses hatte sie, etwas das sie träumend und unnahbar in die Vergessenheit zurück stiess. Das Gefundene hatte sie an den Strand gespült und alabasterfarbene Ornamente hinterlassen. Ich lausche. Ich verstehe. Ich verstehe nicht. Ich sehe. Ich sehe nichts. Nur Wellen, nur Gezeit. Melancholisches. Ich finde Neues. Vergangenes vergeht, buchstabiert Sandkörner, das Alphabet eines bereisten Zieles. Ungreifbar bleibt der Horizont vor mir. Staunend liege ich im Bett, erwache nachtwärts. Heute werde ich keine roten Schuhe tragen und während der Teekessel pfeift, stimme ich die Geige.

 

 

printemps d’hiver. . Hätte ich die Augenblicke nur geträumt, währe die Zeit nicht zeitlos und die Erde ohne den Flug der Vögel nicht rund. Ich lasse meine Schritte, neben den Deinen fliegen.

 

 

kamára1 Ich würfelte die Zeit durch die Stunden. Zählte Augenblicke. Blieb auf der Strasse stehen, dort, wo Tauben nicht nach Fragen fragten. Ich dachte an Hände, die das Meer halten. Kritzelte einige Zeilen in die Gedanken. Stand da, wo andere gehen. Hörte ihre Schritte als eine Melodie. Ich las in einem Buch mit leeren Seiten. Der Wind hatte das Blatt ein Stück weiter geweht und die Zeit ihre Stunden im Kreis.

 

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