1/17- Unter Hemingway’s Bäumen

 


cahier – première partie – brouillon 2 // Manche Tage sind zerstreut. In allem was ich auslasse, liegt diese Lücke. Eine Art Nichts und Unstetes. Es führt mich um mich herum. Die Engel lächeln. Die Musen wippen mit ihren Blumen. Sie sitzen auf Hemingway’s Bäumen und schauen zu mir herunter. Ich bleibe mir überlassen. Die Wirklichkeit ist flexibel. Sie passt sich ein und behält ihre Wahrheit. In allem. Trotz allem. Sie leuchtet auf, mit der Zeit, ein kleiner Funke im All. Sie geht nicht. Sie ist an nichts gebunden, nur an sich selbst oder nicht einmal an sich selbst. Ich bin es, die sie hält. Ohne es zu wissen. Sie existiert, je nachdem, wie ich sie beschreibe und entgleitet, gleichförmig, als eine Linie zu einem Kreis geschlossen. Der Versuch ihr zu entkommen gelingt nicht immer. Immer bleibt dieser Faden. Diese Fragen, die mich weiterziehen. Auf der Suche nach dem, das was die Welt zusammenhält, löse ich mich auf. Das Gehaltenwerden. Der Inhalt. Er ist anders. Er ist unübersichtlich und chaotisch. Wie das Zeitliche. Beide liegen auf der Fläche einer einzigen Ebene. Schwebend.

 

63/16 – Von einem Jahr zum andern…

 


– cahier – première partie – brouillon 1 // la rive gauche // Das Skizzenartige bleibt und macht glücklich. Ich überlasse die Fortsetzung und bemühe mich, keine Vergleiche mehr vorzunehmen. Die Überlegungen schweben im Zwischenraum einer Lücke. Der Übergang, Zeit und Raum und Grund sind Überschneidungen und eine kleine Abweichung der Konzentration, die kreist.

Das Gedankenferne. Ich versuche mich in einer Weise zu entsammeln. Wie es sich in Paris gehört, sind die Tauben alle sehr gepflegt, mit dichtem Gefieder und klaren Augen. Auch die Spatzen. Und die eigenartige Mischung aus Kornblumen, Rosen, weissen Geranien und hohen lilafarbigen Gewächsen, die ich nicht kenne und natürlich die Margeriten im kleinen Park. Der Mond über der Seine. Er, verschwindet auch am Tag nicht vom Himmel.

Es mag Gewohnheiten geben, sich in den immer selben alltäglichen Bahnen zu bewegen. Ich kann mich in ihnen verlieren. Alles ist einzigartig hier, nur die Touristen sind sich gleich. Wenn sie nicht weiter wissen, bleiben sie stehen und fotografieren, sich oder Steine oder fahren auf gläsernen Schiffe, warten in Schlangen, um auf Türme zu steigen, bis der Regen kommt. Sie warten weiter. Manchmal sind alle verschwunden, ich weiss nicht wohin. An manchen Tagen warte ich auch, bis mir die Zeit wieder einfällt. Ich laufe zur Rue de Rivoli. Das Karussell dreht. Ich biege in die nächste Strasse ein und von dieser weiter in eine andere, weiter und weiter. Paris ist die Stadt der Bücher. Der Bücher und Bibliotheken. Ich verbringe Stunden und Tage einer Büchereien. Vielleicht gibt es noch andere Läden, doch diese zählen nicht.

Vielleicht bin ich nur eine Erfindung meiner selbst. Ich trete auf die Strasse und ich gehe geradeaus und hole mich in entgegengesetzter Richtung ein. Keine Form ist in Aussicht und Form ist immer eine Form und immer ist eine Form im Entstehen. Und sobald sie erschaffen ist, gehe ich weiter, einer anderen entgegen. So werde ich nie an ein Ende gelangen, immer nur bis zum nächste Kapitel.

 

62/16 – Paris-le long du chemin sur la rive

 


– cahier – première partie – brouillon 1 // la rive gauche // Ein Engel schlendert vorbei. Einen Roman zu schreiben, ist ein Zustand, sagt er. Wir sind ein Hohlgramm, sage ich. Ein Gefäss mit einem Parallelleben.

Ein Kind tanzt einen Film. Bücher sind wie Stunden. Sie werden im Schubkarre in blauen Kisten angefahren und der Verkehr wird angehalten. Das Croissant liegt schwer im Magen. Die Fliegen sitzen auf der Buchseite. Der Engel streicht sich durch das Haar und lacht. Wir schweifen, sagt er und jemand blättert hinter mir The Times. Ein Baugerüst schwebt über der Strasse und das Pferd in der Zeitung schaut durch das Fenster in einen anderen, mit Wasser gefüllten Raum. Draussen sterben Menschen. Menschen spielen Sterbende. Menschen schlafen unter den Arkaden, neben der Strasse, neben der Seine, wo ich schlafe. Stare landen neben weissen Servietten. Sie fliegen auf. Die Sonne wärmt die Füsse. Unruhe und Küsse werden verteilt. Papiere mit Blätter gemischt und über den Gehsteig gefegt. Die Fliege landet erneut auf der Hand. Sie sitzt über dem Wort „Wächter“. Eine Frau geht vorüber und wacht auf. Touristen steigen aus dem Bus auf die Strasse. Observieren. Das hat alles mit mir zu tun? fragt der Engel.

Er sitzt in einem kleinen blauer Zug und fährt vorbei. „Découvrez un autre Paris“ steht auf blauem Grün geschrieben.

 

61/16 – Paris-le long du chemin sur la rive

 

– cahier – première partie – brouillon 1 // la rive gauche // Der Morgen ist kühl, die Seine still, der Himmel richtungslos blau und grün. Möwen schwirren, der Verkehr flimmert. Der Plastiksack weht im Luftzug aus dem Metroschacht. Das Gefühl ist unendlich.

Das Leben flaniert vor meinen Augen. Gleichförmig bin ich geblieben, was ich nicht bin. Eine Erscheinung. Der vertraute Blick zum Fenster hinaus auf die Bäume. Seitwärts, wo die Zeit verweht, liegt die Stadt drapiert. Begriffe tauchen auf. Unvorhergesehene Leeren, Seligkeiten, einige Abstraktheiten und Albernheiten. Wo ich bin, vergehen die Tage auch. Nicht nur einer nach dem andern, sondern alle zur gleichen Zeit. Wie ein Baum über sein Krone hinaus.

Es liegt in der Zeit, dass die Dinge sich auflösen. Der Duft über der Erde. Die Poesie des andern Ufers. Wo ankern die Gedanken, wenn kein Hafen ist? Warum ändern Wolken ihre Form? Die Häuser fliegen. Die Glocke der Notre Dame zählt die Touristen. Mein Kosmos ist ein kleines Stück Papier.

 

60/16 – Paris-le long du chemin sur la rive

 

– cahier – première partie – brouillon 1 // la rive gauche // Übergänge. Ich versuche etwas Einfaches in den Tag zu legen. Die Seine in ihrem Grün.

Wenn ich auf die Strasse hinaustrete und den Spaziergang in meinem Buch beginne, ist der Quai de Bourbon längst aus der Nacht zurückgekehrt. Jemand ist vor mir der Seine entlanggegangen, jemand hat die Strasse gewischt, die Wolken ausgespannt und ein anderer ein Foto von ihnen gemacht, wieder jemand ein Wort ausgesprochen, Scherben hinterlassen und Schiffe sind gelandet.

In dieser Tage Sommer, sind Augenblicke wie Türen, hinter diesen die Weite in die Ferne zieht und Wünsche wie Meere sind, Wirklichkeiten wie Berge. Und ich bin eine Insel für Monumente, Museen, Berge aus Steinen mit Verzierungen, für einen Baum, eine Rose, ein Gesicht, einen Park mit einem Palast, vor diesem Königinnen und Ritter ohne Armen, Augen oder Beine stehen. Tauben fliegen auf. Der Faun bleibt auf seiner Säule tanzend. Der vergessene König weint seine Tränen. Das Blau.

Das Licht zieht mit dem Sommer dahin. Im Übergang bin ich Kind geblieben und äusserst vorsichtig mit dem Landen, damit es die Tischnachbarn nicht stört. Sie sprechen ohne Unterbruch, photographieren die Robinie neben der Kapelle, den Park. Seinslücken. Heute ist die Seine grün und das Wort und der Tag ein Fluss und die Möwen über der Notre Dame dunkle schmale Striche vor dem Himmel. Winde strömen durch die Arkaden. Der Platz der Bettlerin neben dem Eingang zur Boulangerie bleibt leer.

 

59/16 – Paris-le longe du chemin sur la rive

 

8. bis 23. Dezember 2016
Ausstellung, LE CORRIDOR, La Cité internationale des arts, Paris
couleurs et sons



 

58/16 – Paris-le longe du chemin sur la rive

 

Librairie Allemande – Deutsche Buchhandlung Paris –
5 rue Frédéric Sauton, 75005 Paris (Quartier Latin)

Marianne Büttiker liest aus dem Paris – cahier, le longe du chemin sur la rive, brouillon 1// la rive gauche // Kleine Fugen

 

57/16 – Paris-le longe du chemin sur la rive

 


– cahier – première partie – brouillon 1 // la rive gauche // Annäherung. Zeit und Raum. Es gilt, der Einsamkeit zu begegnen. Den Anliegen, die in keine Form finden. Dem kühlen Regen über der Seine, den kurz angebundenen Worten, der Flüchtigkeit, dem Gefühl, vielleicht der Erinnerung: Das Licht über den Dächern. Die Bettlerin. Die Frau des Kapitäns auf dem Schiffsdeck.

Ich setzte mich zu Bertillon und stosse einen Aschenbecher vom Tisch. Der Himmel spiegelt sich in der Pfütze. Der Scherenschleifer zieht durch die Strassen der Île Saint Louis. Eine Aquarellgruppe übt sich im Abbild der Notre Dame. Feuerwehrmänner sprühen einen Regenbogen über die Seine.

Diese Himmelsverschiebungen; bis zum Rand Geschichte. Wie beschreibe ich diesen Bogen Unendlichkeit. Dieses Hologramm, schwebend im All? Ohne den Bäumen zu lauschen, kann ich sie nicht hören. Ich trinke den Wind. Ich fliesse träge wie die Seine ohne Wirbel und mit den unsichtbaren Fischen und Engelsvögel im Schatten der Brücke. Bis der Punkt der Stille erreicht ist, ist Zeit eine Verzierung im Tag.

Ein Grün. Ein leichter Wind in Hemingway’s Bäumen. Ein Blätterspiel. Kleine Wellen flimmern. Nichts bleibt und treibt unendlich. Mein Gedächtnis fliegt auf. Ein Anfang und Klang ohne Bild. Ich bin das Selbe. Ein kleiner Schwarm Tauben und ohne Ziel bin ich gleichzeitig Fluss und Ufer, an dem ich sitze. Ohne Zweifel. Das Herz. Ich bestürme es mit Fragen. Es antwortet vielfältig.

Und. Die Braut rafft ihr Spitzenkleid und rennt mit Bräutigam und Brautjungfer dem Fotografen zum nächsten Aufnahmeort nach.

 

56/16 – Paris-le longe du chemin sur la rive

 

– cahier – première partie – brouillon 1 // la rive gauche // Im Leben kehren Formen wieder und immer wieder tauchen sie auf. Wünsche, Ersehntes, Vergessenes. Manchmal und oft, schaue ich weg, hin und verliere sie aus den Augen. Ein Wind trägt sie zurück, drapiert sie vor mich hin, legt sie aus, wieder zusammen, ineinander gebunden. Ein unsichtbarer Faden. Eine Spur. Eine Unruhe. Alles ist noch zu nahe am Objekt.

Oh diese zerknitterte Seele, die ich hintrage. Vielleicht lese ich die Tage rückwärts, wenn ich lese. Oder richtungslos, wie ein kleiner Wirbel in der Seine. Ein Hologramm, das Leben. Eine Schneelandschaft. Ein Stillleben, das ich nur ungern umstelle und aus der Hand gebe. Dieses Schwebende, das zwischen den Worten das Sprachliche und Bildliche ordnet.

Der Wind ist kühler geworden und weht die Rufe der Möwen unter die Brücke. Die Spiegelung bleibt so lange ich bleibe und hinabsehe. Schiffe fahren an, Schiffe wenden, werden von Schiffen gefahren. Der Clochard liegt schlafend auf der falschen Bank. Sein Hund rennt mit anderen Hunden am Ufer hin und her. Eine Taube ordnet kleine Blättchen. Ein Mann spricht mit dem Radio. Ich versuche nicht über die Rillen der Pflastersteine zu treten. Die Notre Dame steht geduldig auf ihrer Insel. Alles folgt seinen eigenen Gesetzen.

Ich flaniere in den Morgen. Ich biege in die nächste Gasse ein. Im Les Deux Magots bestelle ich ein Frühstück. Ich bin froh, dass mich hier niemand kennt. Ich schwebe. Das Interieur schwebt und die mit Geschichte beladene Luft schwebt. Vergangene Gespräche schweben und die sich erhebenden Stimmen.

Auf der Terrasse eilen die Kellner hin und her, verteilen Besteck, wedeln mit weissen Servietten und schieben den Dessertwagen an mir vorbei. Törtchen werden gebracht, Reservationen angefordert und die Gäste zu ihren Plätzen geführt. Ein kleiner Junge dreht mit der Drehtür Runden. Der Kellner mit dem Tablett dreht mit ihm.

Die Zeit steht still und die Drehtür. Gedanken weden von der Klimaanlage gekühlt, der Geschirrwäscher im Hintergrund klappert, der Mann faltet die Zeitung und öffnet eine andere. Der Kellner hilft einer Dame mit Hund auf die gepolsterte Sitzbank. Ihr Parfüm verteilt sich langsam mit dem Luftzug im Raum. Der Leser am Nachbartisch liest. Der Kellner verstaut die Lieferung Zitronen in den Warenlift und lässt ihn per Knopfdruck im Boden verschwinden. Das Kind dreht weiter in der Drehtür. Sie quitscht. Der Mann mit dem Frühstück streicht konzentriert Butter auf das Croissant. Er senkt den Kopf. Seine Augenbrauen, wie vom Wind gekämmten Grasbüschel, zittern. Der Hund bewegt sich. Der Nachbar mit der Zeitung ist verschwunden. Das Geld liegt auf den Tisch. Die Drehtüre dreht leer. Die Dame sitze hinter dem leeren Tisch. Der Hund schläft. Die Dame telefoniert. Der Mann liest weiter. Die Drehtür steht still. Die Gäste sind gegangen, mit dem Kind.

 

55/16 – Paris-le longe du chemin sur la rive

 


– cahier – première partie – brouillon 1 // la rive gauche // Der Fluss. Ein einsamer Weg, wo andere gehen. Sie verschwinden. Aus dem Augenwinkel entgleiten sie. Hinter mir, die Schatten. Hinter mir, die Vorausgegangen. Die liegenden Gedanken. Ich schaue nicht zurück. Ich schlendere ohne Plan. Bestaune die sonderbaren Formen. Ländereien, in einem Herz angelegt. Die Sprache. Sie ist mir unbemerkt gefolgt, bis zur anderen Seite und so weiter… eine Willküre.

Wer weiss, in dieser Zeit gleiten die Dinge haltlos nebeneinander. Der Wind streicht die Blätter der Pappel silbrig. Die Schwalbenformation schwebt über der Seine. Die Notre Dame liegt wie eine Spinne über ihrem Geheimnis auf der Insel.

Wenn ich stehe, gehe ich nicht und komme nicht an, da wo ich stehe. Ich bin in der Frühe zu spät. Die Bank, wo ich zu sitzen gewohnt bin, ist von einem Clochard belegt und der Touristenstrom hat sich längst in Bewegung gesetzt.

Ich hänge an einem Zeitfaden. Zwischen Flimmern und Irrlichtern habe ich ihn vergessen. Von Zeit zu Zeit finde ich ihn und bin ratlos. Als wäre es eine Selbstverständlichkeit ihn zu verlieren und wieder zu finden. Er kommt abhanden. Also entgleitet er in einem unaufmerksamen Augenblick und ist in einem eben solchen wieder da. Ich übersehe ihn und halte das kleine, heran geflatterte Zellophanpapierstück für einen Schmetterling. Dieser kleine zerknitterte Hügel.

Ein Kerichtsack schwebt im Luftzug aus dem Metroschacht. Während die Spatzen unter der Nachbarbank zippen und zanken, besprechen sie die grossen Fragen, z.B. Wo bin ich hier? Wer bist Du? Wer sind wir? Was eröffnet das Mystherium der Erinnerung? Entspringen Gedanken dem Gedächtnis? Wie um Himmels Willen finde ich neue? Bedingen sich Welt und Zeit? Drehen wir das Räderwerk mit unserem Denken? Die Welt, ein Grenzgebiet. Die Sprache, ein Wagnis.

 

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